Postapokalyptische Settings und groteske Gesellschaftsformen sind uns vor allem aus Dystopien bekannt und erfahren aktuell einen Aufschwung. Auch ich bin ein großer Fan des Genres und habe mich nun mal gefragt, woran das liegt. Da es ein sehr weitreichendes Thema ist beschränke ich mich auf die Aspekte, die mir persönlich wichtig sind. Folglich möchte ich euch ein paar Gründe dafür nennen, außerdem habe ich ein paar Bloggerfreundinnen zum Thema befragt.
Beitragsfoto: Nation Alpha
Zunächst ein paar Begriffserklärungen [Quelle: Wikipedia]:
Eine Dystopie (zu griechisch dys- = schlecht und tópos = Platz, Stelle; englisch dystopia), auch Antiutopie genannt, ist ein Gegenbild zur positiven Utopie, der Eutopie, und in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang.
Eine Utopie ist der Entwurf einer fiktiven Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist. Der Begriff bezieht sich auf „Nicht-Ort“; aus altgriechisch οὐ- ou- „nicht-“ und τόπος tópos „Ort“. Die mit Utopie beschriebene fiktive Gesellschaftsordnung ist meist positiv.
Die Postapokalypse ist die Zeit nach einem Ereignis, das große Teile der Menschheit sowie die durch sie aufgebaute Zivilisation vernichtet hat. Alte Gesellschaftsordnungen gelten nicht mehr, oft herrscht ein archaisches System des Stärkeren. Postapokalyptische Erzählungen sind ein – oft dystopisches – Subgenre der Science-Fiction und Fantasy.
Für den Verlauf der jeweiligen Erzählung spielt es eine große Rolle, wie die Vernichtung der Menschheit herbeigeführt wurde. Hierbei kann in zwei Kategorien unterschieden werden:
- Die Menschheit vernichtet sich selbst in einem Krieg, häufig mit nuklearen oder biologischen Waffen, oder durch ein fehlgeschlagenes Experiment.
- Die Menschheit wird vernichtet, durch eine Naturkatastrophe globalen Ausmaßes, einen Virus, durch eine fremde, etwa künstliche oder außerirdische Intelligenz.
In der zerstörten Welt kämpfen oft die wenigen Verbliebenen ums Überleben. Nach Möglichkeit wollen sie die Erde zurückerobern, wieder bewohnbar machen oder eine Gesellschaftsordnung aufbauen, die sich stark an der vorapokalyptischen Gesellschaft orientiert.
Beispiele für bekannte dystopische Bücher:
- Teri Terry – Gelöscht
- Veronica Roth – Die Bestimmung
- Suzanne Collins – Die Tribute von Panem
- George Orwell – 1984
- Lois Lowry – Hüter der Erinnerung
- Rick Yancey – Die fünfte Welle
- James Dashner – Maze Runner
- Margaret Atwood – Der Report der Magd
Meine Tipps:
- Christin Thomas – Nation Alpha
- Laura Newman – Nachtsonne: Flucht ins Feuerland
- Marie Lu – Legend
- Jennifer Rush – Escape (leider wurde der dritte Band nicht übersetzt)
- S.A.M. (Comic)
Beispiele für bekannte utopische Bücher:
- Aldous Huxley – Schöne neue Welt (eher negative Utopie)
- George Orwell – 1984 (eher negative Utopie)
- Marc-Uwe Kling – QualityLand
- Ernest Callenbach – Ecotopia
- H.G. Wells – A modern utopia
Meine Tipps:

Das Setting
Vor einigen Jahren habe ich das Computer-Rollenspiel Fallout für mich entdeckt. Es spielt in einer postapokalyptischen Welt im Umland von Washington DC nach einem Atomkrieg. Wir begleiten eine/n Protagonistin/en, den man sich vorher selber erstellen kann, durch die VAULT – ein Schutzbunker, in dem er/sie mit vielen anderen Menschen lebt. Doch so richtig spannend wurde es für mich erst, als mein Charakter die VAULT verlassen und das umliegende Ödland betreten hat, eine von Ruinen geprägte Wüste mit grausigen, mutierten Gestalten und Pflanzen.
Und genau das hatte einen immensen Reiz auf mich. Ich schlenderte also durch die verstrahlte Gegend, betrat Ruinen, kämpfte gegen Raider und mir feindlich gesinnte Gruppierungen und lauschte während dessen der Radiomusik im Game, die hauptsächlich Songs aus den 40/50ern beinhaltete – super cool. An manchen Tagen lief ich also nur so umher, ohne bestimmte Quests zu erledigen. Weil ich die Umgebung unglaublich beeindruckend fand. Ob uns das auch mal erwarten wird? Wie würde ich in so einer Situation handeln? Würde ich mich einer Gruppierung anschließen, wenn ja welcher? Mit welchem Ziel? Würde ich überleben?
Seit dem ich dieses Game gespielt hatte, gab es kein Halten mehr für mich. Alles, was auch nur in irgendeiner Form dystopisch und vor allem postapokalyptisch ist, hat eine immense Sogwirkung auf mich. Auch in Romanen & Comics reizt mich dieses Setting sehr. Es herrscht eine ganz bestimmte kribbelige Atmosphäre aus angespannter Stille, Angst und Unwissenheit mit einem Fünkchen Hoffnung. Es gibt nicht viel, die Gebäude sind mittlerweile Ruinen, die Autos stehen verlassen in den Straßen. Irgendwo sind Schreie zu hören, oder ein Knurren. Lauern Gefahren? Wer weiß, welches Monster einen in dem nächsten Augenblick über den Weg läuft, oder welche Gebäude, Personen oder Vorräte man nach langer Suche findet. Auf welche Personen man trifft, was sie mit sich tragen, wie sie aussehen, was sie sagen. Nichts ist vorhersehbar. Alles ist möglich.

Wer weiß, vielleicht schreibe ich mal einen Beitrag über Fallout – mein absolutes Lieblingsgame.
Der Hauptcharakter
Meistens handelt es sich bei dem Hauptcharakter um die Person, die das System hinterfragt, weil er/sie spürt, dass etwas vorgeht, wodurch meistens eine kleine Rebellion entsteht. Oftmals findet derjenige Verbündete, leider ist oft jedoch nicht klar, wer vertrauenswürdig ist oder sich letztendlich als Verräter entpuppt. Man begleitet den Hauptcharakter also auf seinem Abenteuer, das meistens einige Gefahren, Hindernisse und Herausforderungen birgt. Viele der Protagonisten*innen sind unglaublich mutig und bereit, sich mit voller Kraft für das Ziel eines besseren Lebens bzw. die Aussicht darauf, so klein sie auch ist, einzusetzen. Die Motivation der Charaktere wirkt einnehmend und mitreißend, sie sorgt automatisch für ein Gerechtigkeitsdenken und Verbundenheit.
Leider geht das jedoch mit immensen Verlusten einher, was teilweise den Tod von Verbündeten oder sogar Familienmitgliedern bedeutet. Auch die Liebe ist immer mal ein Thema in derartigen Büchern, wobei es nicht untypisch ist, dass sich zwei Charaktere verschiedener, meist feindlich gesinnter Gruppierungen, ineinander verlieben, was natürlich dann erst recht für einen Loyalitätskonflikt sorgt. Die Liebe gewinnen lassen und sich gegen das eigene Volk stellen, einen Krieg in Kauf nehmen, oder für die vorgelebten Werte kämpfen, eventuell auch gegen die Person, die man liebt? The struggle is real.
Die Gesellschaftssform
Die Gesellschaft in dystopischen Romanen ist meist durch eine Diktatur gekennzeichnet, und/oder durch ein unterdrückendes System aufgrund diverser Eigenschaften, die dann in Klassen geteilt werden. In Nation Alpha (Christin Thomas) ist die unterste Klasse durch die dunkle Hautfarbe bestimmt. Diese Menschen dienen lediglich als Sklaven und haben keinerlei Rechte. Laut Wikipedia sind typische Merkmale einer Dystopie: Dem Individuum ist durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheit genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte und/oder eigener Werte gekappt. Auch im Roman Legend von Marie Lu sorgt die Form der Gesellschaft für gegenseitigen Hass, Rache, für Intoleranz und für unberechtigtes Morden mit der einzigen Begründung der jeweiligen Klassifizierung mit seinen niederen Werten. Große Problemen, denen sich die Hauptcharaktere Day und June stellen müssen, wodurch sie immer wieder vor inneren (und äußeren) Konflikten stehen und eigene Wertvorstellungen hinterfragen müssen.

Weitere typische Aspekte der dystopischen Gesellschaftsform sind Korruption, Überwachung, Intransparenz bezüglich Vorräte und medizinischer Versorgung, sodass besonders ärmere Klassen Schwierigkeiten haben, gesund zu bleiben und an Vorräte zu gelangen, fehlende soziale Mobilität, sodass einzelne Gruppierungen lediglich für sich bleiben dürfen, massive, oft auch sichtbare (Kleidung, Wohnsituation, …) Unterschiede der einzelnen Klassen, kein Mitbestimmungsrecht der unteren Klassen, aber oft auch der oberen – es wird alles so hingenommen. Ebenfalls Merkmale in vielen derartigen Roman sind fehlende Strafprozesse und damit einhergehend willkürliche Strafen bis hin zum Mord, die mit der Gesellschaftsform und einzelnen Regeln begründet werden und keinen Raum für Verteidigung zulassen. Es findet insgesamt also eine Entfremdung von Kultur, Umwelt, Familie etc. statt, was letztendlich zum Zerfall des Systems führt.
Die mögliche Zukunft
Meiner Meinung nach kommt sicherlich auch ein Teil der Faszination daher, dass man erkennt, dass Einzelheiten derartiger Strukturen gar nicht so weit von dem entfernt sind, wo wir gerade stehen, was jetzt natürlich etwas überspitzt dargestellt ist und dargestellt sein soll. Beim Verfassen dieses Beitrags und ebenso beim Lesen dieser Bücher, aber auch beim Spielen thematisch passender Rollenspiele wie Fallout oder Bioshock, kommt mir immer mal wieder der Gedanke: Was wäre wenn?

Was wäre denn, wenn es nach einem Atomkrieg nur noch wenige Überlebende gibt, die sich in Gruppierungen ordnen und gegeneinander kämpfen? Wenn dass Überleben vor allem anderen steht und man sich sorgen muss, wo man seine nächste Mahlzeit oder Medizin herbekommt? Was wäre denn, wenn Überwachung völlig normal wäre und man keinen Schritt mehr tun könnte, ohne dass die „Oberen“ Bescheid wüssten? Was wäre denn, wenn die Gesellschaft ganz klar nach bestimmten Aspekten in Klassen unterteilt wäre, etwa in „Reinrassige“ (gibt es das überhaupt?) und „Nicht-Reinrassige“? Wenn Sklaverei wieder an der Tagesordnung stünde?
So abwegig klingt einiges davon leider nicht und eigentlich müssten doch genau solche Bücher, Spiele und Filme doch dafür sorgen, dass sich Menschen aktiv mit der Thematik auseinandersetzen und ihr Denken und Handeln reflektieren. Dass die Toleranz jedes einzelnen gefördert wird. Dass man einzelne gesellschaftliche Aspekte hinterfragt. Dass man nicht alles einfach hinnimmt. Dass man anders mit der Umwelt umgeht. Dass man langfristiger denkt und nicht nur bis Morgen. Denn durch viele Einzelheiten und Details wird uns metaphorisch, im übertragenen Sinne der Spiegel vorgehalten.
Für mich liegt der Reiz dystopischer Romane primär darin, dass groteske Gesellschaftsformen dargestellt werden, die unterstützt durch die atmosphärische, oftmals postapokalyptische Umgebung, die mutigen Charaktere, mit denen man sympathisiert, sich zusammenschließen will, und die einhergehenden Gefahren und Konflikte für eine aktive Auseinandersetzung inklusive Eigenreflektion sorgen und faszinierend, beängstigend und schockierend zugleich sind.
Was reizt andere daran?
Die politische Ebene, der technische Fortschritt und die Tatsache dass die Welt, anders als Fantasywelten, tatsächlich irgendwie eine mögliche Zukunftsversion ist. – Jule von Miss Foxy reads
Dystopien haben immer eine ganz eigene Stimmung, bedrohlich und häufig düster, wodurch sie einen direkt mit in das Setup nehmen. Gerade weil sie häufig gesellschaftlich kritische Themen ansprechen, treten sie auf die Füße oder regen extrem zum Nachdenken an. – Anna von Fuchsias Weltenecho
Mich fasziniert am meisten, dass sie meistens gar nicht so unrealistisch sind und die meisten wirklich die Augen öffnen. Ich liebe dieses politische und dieses „was wäre wenn“ – Jacquelin von Bookaholic.
Vor allem reizt mich daran die Umstrukturierung der Regierung und die Einführung neuer Systeme, die wiederum unsere Welt an den Pranger stellt und uns so unsere eigenen Handlungen und unser Denken reflektieren lässt. – Sarah Ricchizzi
Mich fasziniert vor allem die Fallhöhe. Häufig werden Gewalt- oder Zwangsszenarien thematisiert, die für uns einfach nicht normal sind und sich „unangenehm“ anfühlen. Aber genau das regt einen zum Nachdenken an, was man vielleicht auch an aktuellen Gesellschaftsstrukturen kritisch beäugen sollte. – Michi von Bücherschmöker
Auch Sam hat sich Gedanken über die Faszination vom Ende der Welt gemacht. Der Beitrag ist von 2015, passt aber gut hier rein, finde ich.
→ Was reizt euch an Dystopien? Habt ihr weitere Buchtipps?














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