Rezension: Ina M. Laurin – Nichts mein Freund

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Was bleibt, wenn niemand mehr da ist? Nichts. James und dieses Nichts leben am Ende der Victoria Road. Der 23-Jährige wohnt in einem kleinen Haus mit Milla, seiner Schildkröte, arbeitet bei einem halbillegalen Paketdienst und ist wie er ist. Einfach, anspruchslos und mit einem klaffenden schwarzen Fleck auf seiner weißen Weste. Seine Vergangenheit scheint sicher begraben zu sein, wären da nicht eines Tages Nachrichten eines Fremden, die sein gleichgültiges Leben zu zersprengen drohen. Bevor sich James überhaupt dagegen wehren kann, beginnen für ihn die schlimmsten und wichtigsten Wochen seines Lebens. Er wird gezwungen, sich selbst und seiner Geschichte zu stellen. Der Unbekannte treibt James gnadenlos durch seine Erinnerungen und die Schmerzen der Vergangenheit. Und niemand weiß, wie es enden wird. Kann James sich das holen, was er vor Jahren für immer aufgegeben hat? Sein Leben?
Kein Leben zu haben bedeutet nicht den Tod. Es bedeutet etwas Schlimmeres: Die Gleichgültigkeit. [Quelle]

Vor einiger Zeit bekam ich Nichts mein Freund von Ina zugeschickt. Viel zu lange musste die Geschichte darauf warten, dass ich sie entdecke. Und nun wünschte ich, ich hätte sie viel eher gelesen. Blatt-Trenner

Ich starrte noch lange an die Zimmerdecke, als klebten dort all meine Sorgen. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht irgendwann auf mich fielen und mich unter sich begruben. [Nichts mein Freund, Ina M. Laurin, S. 200]

Das Cover finde ich durch seine Schlichtheit sehr ansprechend, auch passt es meiner Meinung nach hervorragend zur Geschichte.

Relativ schnell merkte ich, dass der Schreibstil schonungslos ehrlich und angenehm zu lesen war. Ich wurde regelrecht an die Seite von James katapultiert und begleitete ihn auf seinem Weg, der nie einfach, manchmal witzig, aber vor allem authentisch wirkte. Trotz der Tatsache, dass es sich um einen männlichen Protagonisten handelte, konnte ich mich gut mit ihm identifizieren. Ina M. Laurin schaffte es, den ehrlichen Stil durch sarkastische und humorvolle Passagen aufzulockern, aber auch tiefgründige Aussagen zu integrieren, womit die Spannung durchgängig gehalten werden konnte.

Wieso malte man sich Augenbrauen? Ich war immer davon ausgegangen, dass jeder welche von Geburt an hatte. Aber was wusste ich schon. [Nichts mein Freund, Ina M. Laurin, S. 267]

James führte ein recht einsames, gar trauriges Leben, mit einem nervigen Job und einer chaotischen Bude, in der er hauste. An seiner Seite befand sich als beste Freundin die Schildkröte Milla, mit der er Gespräche führte, was ich ziemlich sympathisch fand. Milla stellt eine sichere Konstante (und nahezu einen kleinen Lichtblick) in seinem Leben dar, um die er sich kümmern, für die er einkaufen und sorgen musste – zum Glück!

Zum Inhalt möchte ich eigentlich gar nicht viel verraten, wer möchte kann gerne den Klappentext oben lesen, der einiges über die besondere Geschichte des Protagonisten mit einer dramatischen Vergangenheit aussagt. Nur so viel: es geht um wichtige und zeitlose Themen wie Freundschaft, Familie, Liebe, Vergebung und Selbstfindung. James stellt sich, gezwungener Maßen, im Verlauf der sehr ehrlichen und authentischen Geschichte seinen inneren Dämonen und findet nach und nach aus der Gleichgültigkeit, die seinen Alltag bestimmt, heraus.

Interessant fand ich das Vorgehen des Fremden, der James auf sehr skurrilen und spannenden Wegen notiz- und briefartige Handlungsanweisungen zukommen ließ. Er recherchierte wirklich gut, improvisierte aber auch mal, wenn dies spontan aufgrund James‘ Handeln nötig war. Auch die anderen Charaktere waren sehr interessant, ebenso einzelne Zusammenhänge der Hintergründe und die Entwicklung einzelner Beziehungen. Insbesondere der Protagonist durchlebte eine positive Entwicklung.

Ich wusste relativ schnell, wer der Fremde ist, was ich aber im Nachhinein nicht schlimm finde. Ich war nicht sehr überrascht, und doch erstaunte mich die Erklärung und Argumentation seiner Intention, wodurch sich das Bild, was ich anfangs zu ihm hatte, wandelte. Somit gefielen mir die Auflösung und auch das Ende der Geschichte richtig gut. Es war rund und ich klappte das Buch mit einem guten Gefühl zu. Einzelne Aspekte brachten mich zum Nachdenken, sorgten dafür, dass auch ich bestimmte Situationen und Konsequenzen, die das Leben mit sich bringt, hinterfragte.

Bei Nichts mein Freund handelt es sich um eine sehr ehrliche und vor allem wichtige Gegenwartslektüre über einen jungen Mann, der in Gleichgültigkeit lebt, die von dramatischen Ereignissen in seiner Vergangenheit genährt wurde. Die Geschichte sagt aus, dass es immer jemanden gibt, der hinter einem steht. Dass es sich immer lohnt, belastende Dinge aus dem Weg zu schaffen, egal wo dieser (gemeinsame) Weg dann hinführt. Ich habe gemeinsam mit James gelitten, aber auch gelacht. Ich habe ihn sehr gerne begleitet, auch mal über ihn und sein Handeln gestaunt, ihn gar bewundert. Somit alles in allem meinerseits definitiv ein Buchtipp

Vielen Dank an Ina M. Laurin für das Rezensionsexemplar!

Übrigens erscheint am 20.05. ein Interview mit Ina M. Laurin, in dem ihr noch mehr über sie und das Buch erfahren könnt.

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10 thoughts on “Rezension: Ina M. Laurin – Nichts mein Freund

  1. Das klingt aber wirklich super interessant!
    Und ja, das Cover, so schlicht es auch ist, (vielleicht auch gerade deshalb) gefällt mir auch richtig gut!
    Das werde ich mir auf jeden Fall mal auf die Wunschliste setzen 😉
    Vielen Dank für die tolle Rezension!
    Hab einen schönen Abend.

    Drück dich ❤ Jill

    Gefällt 1 Person

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