Rezension | Anne Reinecke – Leinsee

Ein nachhaltig beeindruckendes Debüt.

Werbung | Anne Reinecke | Leinsee | Verlag: Diogenes | 28.02.2018 | 368 Seiten | HC: 24€ | Amazon**

Karl geht auf die 30 zu und ist der Sohn eines berühmten Glamour-Künstler-Ehepaares. Auch er selber hat sich in der Berliner Kunstszene einen Namen gemacht. Ein Schicksalsschlag bringt Karls Leben ins Schwanken und er muss sich mit seiner familiären Vergangenheit auseinandersetzen, mit der er längst hatte abschließen wollen. Dabei trifft er auf eine ganz besondere Person, die ihn zurück ins Leben katapultiert.


Auf dem Bloggerempfang des Diogenes Verlages auf der Leipziger Buchmesse wurden Anne Reinecke und ihr Debüt Leinsee vorgestellt. Ich muss zugeben, dass mich bis dahin weder der Inhalt, noch das schlichte Cover neugierig machen konnte, zumal ich keine Berührungspunkte mit Themen aus der Kunstszene hatte. Doch das Interview mit Anne Reinecke machte Lust auf die Geschichte von Karl, sodass ich mich danach direkt auf den Weg zum Verlagsstand machte, um mir ein Leseexemplar abzuholen und es daraufhin von der Autorin signieren zu lassen. Gemeinsam mit Sarah und Marion startete ich im April einen Buddy-Read und ich kann euch sagen, dass wir von Beginn an allesamt baff waren.

Schon das erste Kapitel gewährte einen Einblick in die folgende Thematik und in einen Schreibstil, den ich so bisher nicht erlebt hatte. Er besaß eine bildhafte Distanziertheit, geschmückt mit zahlreichen neuen Wortkombinationen und Gelegenheitsbildungen. Super gelungen fand ich die Kapitelnamen, die immer eine bestimmte Farbe beinhalteten, die wiederum in dem folgenden Abschnitt benannt wurden. Wenn ich also beim Lesen auf eine Farbe gestoßen bin, blätterte ich zurück zur jeweiligen Kapitelüberschrift, um nachzusehen, ob es sich um ebendiese Farbe handelte. Trotz, oder aufgrund der besagten Distanziertheit wirkten einzelne Situationen skurril und grotesk, aber dennoch greifbar. Es gab ein paar Ereignisse, die mich zwiespältig haben denken lassen – zunächst reagierte ich mit Abneigung, dann mit Interesse und letztlich mit Faszination.

Karl schluckte, er würde jetzt nicht anfangen zu weinen, nicht neben diesem Jahrgangsarschloch.
(Leinsee, Anne Reinecke, S. 36)

Die Geschichte wurde unaufgeregt und mit einer erstaunlichen Ruhe erzählt, es war für mich aber dennoch ein spannendes Leseerlebnis, das mich nachhaltig beeindruckt hat ob der besonderen Thematik und Entwicklung der Charaktere. Die Dynamik fand eher auf der emotionalen Ebene statt, die trotz der kühlen Distanz greifbar war. Auch gab es ein paar überraschende Wendungen, bei denen ich erstmal sprachlos war. Durfte ich das nun gut finden, obwohl es völlig skurril war? Durfte ich fasziniert, gar überwältigt sein? Durfte ich Mitgefühl haben? Die Geschichte von Karl, seiner Mutter, Mara und Tanja sorgte für Gewissenskonflikte.

Karl mochte ich von Beginn an. Er war ein wenig egoistisch, mürrisch und schonungslos ehrlich. Die Beziehung zu seinen Eltern verstörte mich auf vielen Ebenen und durch den angenehmen, besonderen Schreibstil wurde das Ausmaß in aller Wucht deutlich, insbesondere im Verlauf der Geschichte, in der ich seine Mutter etwas besser kennenlernen konnte, was jedoch wieder für absolutes Unverständnis ihr und ihrem Mann gegenüber meinerseits sorgte. Mein Highlight war Tanja. Sie wirkte wie eine Pippi Langstrumpf der Gegenwartsliteratur und brachte durch ihre kindliche, ehrliche, unbeschwerte Sicht auf die Welt Licht in Karls Leben. Daraus entstand eine sehr interessante Freundschaft, deren Bedeutung ich auch im Nachhinein sehr wichtig für Karls Weg fand. Dabei wurde besonders seine eigene Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung deutlich, und letztendlich sorgte unter anderem Tanja dafür, dass Karl zurück zu sich selbst finden konnte.

Tanja knisterte mit der leeren Tüte und fand, wenn man einen Geschmack möge, dann könnte man ruhig verschwenderisch damit sein, und da hatte sie natürlich auch wieder recht.
(Leinsee, Anne Reinecke, S. 179)

Das Setting des Leinsees fand ich super schön, die Beschreibungen der Umgebung, der Geräusche, des Wetters und der Farben zogen mich ins Geschehen. Am besten gefiel mir die verrückte, aber liebenswerte Teegesellschaft mit kleinen Alice im Wunderland-Anspielungen. Besonders in dieser Situation wuchs meine Abneigung gegen zwei Charaktere, die somit bezogen auf die beim Leser entstehende Antipathie wirklich gelungen gezeichnet wurden – schon bei der Erwähnung ihrer Namen reagierte ich genervt.

Die letzten Kapitel empfand ich als traurig, aber zugleich hoffnungsvoll, auch wenn das widersprüchlich klingen mag. Das Ende ließ dann Raum für eigene Interpretationen, ich klappte das Buch lächelnd und mit einem guten Gefühl zu.

Fazit

Auch, wenn die Handlung von unaufgeregter Ruhe war, konnte mich Leinsee absolut mitreißen, was primär an der Familiendynamik, den besonderen Beziehungsmustern und dem distanzierten und zugleich eindringlichen Schreibstil lag. Ein sehr gelungenes Debüt, das mich langfristig beeindruckt hat.

Kategorie: Liebling


Weitere Meinungen

Das Buch hat mich zutiefst schockiert und dann doch wieder mit seiner Leichtigkeit getragen. – Alues Bücherparadies

Ein Buch, das sich perfekt für die langsam wärmer werdenden Tage geeignet ist. „Leinsee“ vereint Kunst, Melancholie, Humor und dieses ganz besondere Gefühl. Ein großartiges Debüt, das defintiv nicht enttäuscht. – Jules Leseecke

Mit Leinsee hat Anne Reinecke einen außergewöhnlich beeindruckenden Debütroman niedergeschrieben, der vor allem durch ihren bedeutungsvollen Schreibstil und die intensive Atmosphäre, die dadurch hervorgerufen wurde, den Leser in seinen Bann zieht und einen geradezu mit ihren Worten hypnotisiert. – Sarah Ricchizzi

Hinter “Leinsee” verbirgt sich ein zarter und leiser Liebesroman, den man zunächst als solchen gar nicht erkennt. Frei von Kitsch und emotionalen Höhepunkten schafft es die Autorin trotzdem eine sehr eindrückliche und gefühlvolle Atmosphäre zu erzeugen, die lange nachhallt – Literatour

Seicht und unterhaltsam auf gehobenem Niveau, leider mit anfänglichen Schwächen. Dennoch sprachlich ein interessantes Werk! – Lesen in Leipzig

Das Buch ist geschrieben, wie ein Aquarell gemalt wird. – Valaraucos Buchstabenmeer


Klappentext

Karl ist noch nicht einmal 30 und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, ›dem‹ Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Doch in der symbiotischen Beziehung seiner Eltern war kein Platz für ein Kind. Nun ist der Vater tot, die Mutter schwer erkrankt. Karls Kosmos beginnt zu schwanken und steht plötzlich still. Die einzige Konstante ist ausgerechnet das kleine Mädchen Tanja, das ihn mit kindlicher Unbekümmertheit zurück ins Leben lockt. Und es beginnt ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch. [Quelle]


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Vielen Dank an Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar*.

 

20 Antworten auf „Rezension | Anne Reinecke – Leinsee

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  5. lesefreude

    Hallo Nicci!

    Danke für die schöne Rezension. Das Buch wandert sofort auf meine WuLi. Ich mag die Cover des Diogenes sehr gerne. Das schlichte Design wirkt richtig elegant.

    Liebe Grüße
    Sabrina
    #litnetzwerk

  6. Jennifer

    Sehr, sehr schön geschrieben. Jetzt habe ich glatt das Bedürfnis, meine eigene Rezension noch einmal neu zu verfassen :D

    Karl war mir schon irgendwie sympathisch, aber teilweise waren mir seine Gedanken, sein Handeln einfach zu kindisch. Ich kann das ganz schwer nur beschreiben…
    Aber dennoch ist es natürlich ein interessantes Debüt und ich bin gespannt, was da noch folgen wird von Frau Reinecke.
    VG Jennifer

    1. Nicci Trallafitti

      Hach vielen lieben Dank <3
      Das Gefühl kenne ich, so geht es mir dann auch häufig, wenn ich nach dem Schreiben andere Rezensionen lese.

      Ich weiß was du meinst :) Das stimmt, er wirkte die meiste Zeit wenig erwachsen, vernünftig, bedacht. Ein wenig egoistisch, arrogant, manchmal naiv. Aber irgendwie war er auch mir trotzdem (oder gerade deshalb?) sympathisch.
      Da hast du recht, ich bin auch sehr gespannt.

      Herzliche Grüße

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  10. sarahricchizzi

    Liebe Buchnachbarin,
    hach, Leinsee. Eine wirklich gelungene Rezension :) Ich bin ebenfalls und vor allem vom Schreibstil superangetan gewesen. Mein absolutes Highlight des gesamten Romans.
    Ich freue mich auf unseren nächsten Buddy-Read <3
    SUPERLIEBE!

  11. Pingback: Rezension: Leinsee – Sarah Ricchizzi

  12. Jill von Letterheart

    Liebe Nicci,

    Ich habe erst einmal nur das Fazit gelesen, weil ich das Buch ja noch vor mir habe. Dass ihr alle so begeistert seid, steigert aber gleich meine Vorfreude *.*

    Liebe ❤

  13. Zeilenwanderer

    Liebe Nicci,
    ich kann mir so gut vorstellen, was du mit der Unaufgeregtheit und Ruhe des Romans meinst. Manche Bücher versprühen eine ganz besondere Atmosphäre und ich auch wenn ich das Leinsee noch nicht gelesen habe, bin ich schon jetzt der festen Überzeugung, dass es ganz außergewöhnlich ist.
    Ich glaub, ich muss morgen mal in die Buchhandlung meines Vertrauens gehen und schauen, ob sie das Buch vorrätig haben!
    Liebe Grüße und einen tollen Abend!
    Janika

    1. Nicci Trallafitti

      Liebe Janika,
      das stimmt, eine besondere Atmosphäre herrschte dort auf jeden Fall.
      Falls du es kaufst wünsche ich dir ein tolles Leseerlebnis! :)

      Liebe Grüße und eine schöne Woche.

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