Genau so will ich Age Gap lesen: Als unverblümte, ehrliche und problematische Darstellung, die sich durchgehend falsch anfühlt und richtig wütend macht.
Werbung: Das Buch ist ein eBook-Rezensionsexemplar, das ich vom Verlag via NetGalley für eine ehrliche Rezension erhalten habe.
Half His Age bei Blumenbar (Aufbau Verlage) | Half His Age bei Amazon
Autor*in: Jennette McCurdy, Übersetzer*in: Olivia Kuderewski
Seitenzahl: 315, Preis: 17 € (E-Book)
Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht lesen. Mich hat das Thema Age-Gap abgeschreckt, weil ich es sowohl im Real Life als auch in Büchern problematisch finde, wenn eine Beziehungsperson wesentlich älter ist – and by wesentlich I mean so etwas wie mehr als 6-7 Jahre. Hier ist es aber auch noch ein Unterschied, ob die Personen 61 und 68 oder 17 und 24 sind.
Alter ist eben mehr als eine bloße Zahl auf dem Papier. Diese zusätzlichen Jahre bedeuten gelebte Zeit, man sammelt Erfahrungen, geht Bindungen ein, lernt Menschen kennen und verliert sie (vielleicht) wieder. Man startet ins Berufsleben oder lässt alte Lebensphasen hinter sich.
Während die ältere Beziehungsperson bereits Strategien für Konflikte, Finanzen oder die Karriere entwickelt hat, steckt die jüngere oft noch mitten in der Selbstfindung. Das führt schnell dazu, dass die ältere Person eher zu einer Art Mentor wird als zu einem Partner auf Augenhöhe.
Dazu kommt ein Machtgefälle, besonders wenn der Mann der ältere Part ist. Da männliche Dominanz gesellschaftlich oft noch als „akzeptabler“ gilt, verstärkt das die Unterlegenheit in der Beziehung (womit wir wieder bei der mangelnden Augenhöhe wären). Dass genau diese Dynamik aus Altersunterschied und Dominanz in Büchern romantisiert wird, muss ich vermutlich nicht betonen.
Es ist mir fast egal, was genau ich für ihn bin, Hauptsache ich bin überhaupt etwas für ihn. Als würde ich überhaupt erst jemand sein, wenn ich jemand für ihn bin.
McCurdy, Jennette, Half His Age (Kindle-Positionen 1365-1366)
In Half His Age geht es um Waldo, die richtig Bock auf ihren Lehrer Mr. Korgy hat, aber eigentlich gar nicht so genau weiß, wieso. Im Verlauf will sie das herausfinden, indem sie sich an ihn ranschmeißt. Und Mr. Korgy schafft es tatsächlich nicht, sich von seiner Schülerin abzugrenzen. Jennette McCurdy zeigt in Half His Age schonungslos auf, wie manipulativ und toxisch eine solche Age-Gap-Dynamik zwischen Lehrer und Schülerin abläuft.
Der Schreibstil konnte mich direkt catchen. Er ist unverblümt, derb und reißt einfach total mit. Zwischendurch dachte ich „eeww“, dann war ich aber wieder vollkommen gefesselt. Ich kann verstehen, wenn der Stil nicht jeder Person zusagt, mir hat er aber echt gut gefallen. Und für mich hat er die Thematik des Altersunterschiedes, der verschiedenen Welten, die hier aufeinanderprallen, und Waldos Entwicklung zusätzlich verdeutlicht.
Die Geschichte hat mich unfassbar wütend gemacht. Beim Lesen habe ich mir unendlich lange Notizen gemacht, weil ich meine Gedanken loswerden musste. In der Rezension selbst versuche ich mich kurzzufassen, zumal ich auch nicht spoilern möchte.
Es ist unfassbar, wie unfähig dieser Mann ist, sich von einer 17-Jährigen abzugrenzen. Wir reden hier von einem Kind. Er schafft es nicht, es gut sein zu lassen, meldet sich ständig von sich aus und fragt nach, ob sie alleine ist, vor allem, wenn er getrunken hat. Dieses Verhalten macht mich fassungslos. Mr. Korgy besitzt absolut null Selbstreflexion und schiebt jede Verantwortung weg. (Gar nicht mal so) Fun Fact: Wenn es darum geht, dass Waldo ein Glas Wein trinken will, spielt er plötzlich den „Erwachsenen“. Mr. Korgy verhält sich wie ein machtbesessener Vollarsch, der seine Schutzbefohlene ohne Rücksicht auf Verluste sexualisiert. Dabei sorgt er sich nie um das Kind, sondern immer nur um sich selbst, seinen Job, seine Frau, seinen Ruf. Ich werde schon wieder so unglaublich wütend, wow.
Ich hatte bezweifelt, dass das ein Kompliment sein sollte und nicht bloß Konditionierung, der Versuch, ein Verhalten zu bestärken, das sein Leben einfacher machen würde.
McCurdy, Jennette, Half His Age (Kindle-Positionen 2845-2846)
Sobald Waldo ihren eigenen Kopf durchsetzen will, wird Mr. Korgy wütend und macht ihr Vorwürfe. Er dreht alles so, wie er es gerade braucht. Mal soll dieses Kind die reife Erwachsene für ihn sein, die seine sexuellen Bedürfnisse und Träume stillt, im nächsten Moment ist sie plötzlich wieder „nur ein Kind“.
Besonders heftig fand ich seine emotionale Erpressung. Er benutzt Waldo, um seinen gesamten emotionalen Müll bei ihr abzuladen und sie damit unter Druck zu setzen. Er will einer (frisch) 18-Jährigen die Verantwortung dafür geben, dass sein Leben jetzt besser wird, weil er ja so lange unglücklich war. Als wäre sie ihm schuldig, ihn zu „heilen“. Und ja, für mich ist Waldo mit frisch 18 weiterhin das Kind, das sie ein paar Wochen vorher mit 17 war. Das ändert absolut gar nichts.
»Normalerweise bist du so verständnisvoll«, sagt er mit einer milden Sorge. Dieser Satz ist wirklich meisterhaft gewählt. So kann er mir das Problem wieder zuschieben, als wäre er bloß der schüchterne Typ, der versucht, den »Gefühlsausbruch« seiner Freundin zu verstehen, wobei das schon jedes Gefühl sein kann, das ihm auch nur im Entferntesten unangenehm ist, also, jedes Gefühl außer glücklich und geil.
McCurdy, Jennette, Half His Age (Kindle-Positionen 2088-2091)
Übrigens wird er auch im Buch und somit auch von Waldo durchgehend Mr. Korgy genannt, was das Ganze noch viel schlimmer macht und gleichzeitig durchgehend schreit: „Hier stimmt etwas nicht!!“.
In der Geschichte prallen Welten aufeinander. Waldo steckt in der Identitätsfindung und will Leidenschaft, Mr. Korgy hat Rückenschmerzen und will eigentlich nur Feierabend. Diese verschiedenen Realitäten können schlichtweg niemals funktionieren, und jeder, der das glaubt, gehört für mich ebenfalls in Therapie, I said what I said. Mr. Korgys Verhalten gegenüber Waldos Job zeigt das ebenfalls, denn er wertet ihre Arbeit ab und will ihr vorschreiben, was sie lernen soll, weil sie sonst ihr „Potenzial verschwendet“. Auch an dieser Stelle: Kümmere dich erst mal um dich, Kumpel.
Er führt sich auf wie ein bockiger Teenie, der abserviert wurde, und probiert alles aus, von Komplimenten bis hin zur Manipulation. Tatsächlich möchte ich ihn aber gar nicht als Teenie bezeichnen, weil ihm das die Verantwortung absprechen würde, die er nun mal hat. Ich finde generell, dass man erwachsene Männer viel zu oft als „Er ist einfach kein richtiger Mann“, als „Kind“ oder als „Monster“ bezeichnet. Es sind MÄNNER. Mr. Korgy ist der Erwachsene. Er ist doppelt so alt. Er ist Lehrer. Er müsste zur Therapie gehen, statt ein Mädchen, ein KIND zu belästigen.
Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich die Darstellung von Waldos finanzieller Situation. Sie betont ständig, wie arm sie ist, shoppt dann aber ununterbrochen online. Auch wenn sie vieles umtauscht, passt das für mich nicht ganz zusammen, wenn man eigentlich kürzertreten muss, etwa wegen einer Autoreparatur. I get the Point, aber wenn es darum geht, Kaufsucht zu thematisieren, oder das Shoppen, um emotionale Löcher zu stopfen, hätte das hier eingeordnet werden können/müssen.
Zudem war mir das Ende etwas zu abrupt. Ich hätte mir einen Epilog gewünscht, um das Ganze final einzuordnen, auch wenn die kritische Botschaft eigentlich das ganze Buch über gut rüberkam.
Fazit: Dieses Buch macht deutlich, womit Männer es rechtfertigen, wenn sie auf Kinder stehen, nur weil diese „glatt“, unverbraucht und leicht zu beeinflussen sind. Sie drehen sich im Kreis und stellen sich auf den Kopf, um ihr problematisches Verhalten auch nur irgendwie zu rechtfertigen. „Alter ist nur eine Zahl“ ist eine gefährliche Lüge, wenn es um solche Machtgefälle geht. Wer „reif für sein Alter“ ist, ist trotzdem weiterhin nicht im Alter der Beziehungsperson. Ein Buch, das unfassbar wütend macht, aber sehr wichtig ist. Und ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass man Männer mittels Gesetz davon abhalten muss, Kinder zu heiraten.
Inhalt zum Aufklappen
Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsiv. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever. Sie will so unendlich viel, und das, was sie am meisten will, ist: Mr. Korgy, ihren Lehrer für kreatives Schreiben, mit Frau und Kind, mit der Hypothek und den Rechnungen, mit den toten Träumen, der verblassten Attraktivität und dem immer größer werdenden Bäuchlein. Sie weiß nicht, warum sie ihn will. Ist es seine Leidenschaft? Seine Lebenserfahrung? Die Tatsache, dass er Bücher und Filme und Dinge kennt, die sie nicht kennt? Oder ist es etwas noch Reineres, etwas, das in ihrer unwahrscheinlichen Verbindung liegt, in ihrer Seelenverwandtschaft, in dem ähnlichen Filter, durch den sie beide die Welt um sich herum betrachten? Oder vielleicht reicht schon die Tatsache, dass er sie sieht? Wo es doch sonst niemand tut?
Quelle: Blumenbar, Aufbau Verlage













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